Der Ton beim Tatort ist NICHT schlecht! Er ist zu gut!

Im Netz mehren sich die Beschwerden bezüglich einer vermeintlich schlechten Tonqualität beim Tatort:

http://www.spiegel.de/kultur/tv/christian-ulmen-entschuldigt-sich-fuer-schlechten-tatort-ton-a-1011036.html

http://www.t-online.de/unterhaltung/tv/id_77213226/mieser-ton-beim-tatort-t-online-de-erklaert-die-gruende.html

Nun fordert Prof. Ingo Kock, Dekan der Fakultät Ton an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg, dass 70-Jährige den Tatort-Ton abmischen. Dabei gibt es auch andere Lösungen.

Das Problem

Der Witz an der ganzen Sache ist nämlich, dass der Ton beim Tatort objektiv betrachtet in keinster Weise schlecht ist, er ist sogar ausgesprochen gut. Nur für viele Zuschauer leider etwas zu gut.

Das Problem liegt in der “makroskopischen Dynamik”. Diese ist ganz einfach zu verstehen und das folgende Bild verdeutlicht es:

dynamikvergleich tatort fegefeuer

Tonmitschnitt aus dem Tatort “Fegefeuer” mit Til Schweiger als Nick Tschiller

In der Grafik sehen wir zwei visualisierte Tonmitschnitte aus der Tatort-Folge “Fegefeuer” mit Til Schweiger als Nick Tschiller (abgerufen in der ARD Mediathek). Der Film lief am 03. Januar 2016 im Ersten.
In der linken Sequenz sehen wir, wie es aussieht, wenn sich Kriminalhauptkomissar Nick Tschiller mit jemandem unterhält. Die mittlere Lautheit steigt nicht höher an als auf ungefähr -33 dbFS RMS. Ganz anders bei Action-Sequenzen mit Explosionen: Der mittlere Lautheitswert steigt auf bis zu -17 dbFS RMS.

Man muss kein Experte sein, um erkennen zu können, dass die Action-Sequenzen um ein Vielfaches lauter sind als die Dialoge. Die Lautheits-Dynamik und damit die Lautstärke-Unterschiede sind sehr hoch. (Lautheit ist nicht zu verwechseln mit Lautstärke!)

Eine solch hohe Dynamik ist an sich erst mal nicht schlecht. Explosionen, Schüsse und quietschende Reifen sind nun mal in der echten Welt wesentlich lauter als die menschliche Stimme beim Sprechen. Eine entsprechende Wiedergabe ist nichts anderes als realistisch. Die große Dynamik sorgt außerdem für eine immersivere Wirkung beim Zuschauer. Krasse Lautheitsveränderungen können den Hörer fesseln. Man höre sich nur mal ein Orchester an, das plötzlich von pianissimo zu fortissimo wechselt. Da bekommt man mitunter schon mal Gänsehaut.

Vor allem auch Heimkinofans mit hochwertigen Tonsystemen wissen diese hohe Dynamik zu schätzen. Es fühlt sich an, als sei man mittendrin.

Nur ist eben nicht jede Person ein Heimkino-Enthusiast. Ich vermute, dass die Mehrheit (mich eingeschlossen) sich den Tatort gemütlich auf dem Sofa oder im Schlafzimmer anschauen möchte – und zwar mit einem herkömmlichen Fernsehgerät bei Zimmerlautstärke.

In diesem Setting ist eine derartige Tonabmischung tatsächlich suboptimal. Auch mir geht die hohe Dynamik manchmal auf die Nerven, hat sie doch zur Folge, dass ich immer wieder zur Fernbedienung greifen muss, um bei Dialogsequenzen das TV-Gerät lauter zu stellen, und bei Action die Lautstärke wieder zurückzudrehen, um die Nachbarn nicht zur Weißglut zu treiben.

Die Forderung

Prof. Ingo Kock fordert nun: “Setzt 70-jährige Tonmeister an die Mischpulte. Die mischen den Sound so, wie das Publikum hört.”

Verzichtet man jedoch auf jegliche Dynamik, werden die Audiophilen auf der Strecke bleiben. Ist ein Dialog erst mal genau ähnlich laut wie Spezialeffekte, reduziert das die Wirkung und den Einschlag drastisch. Weiterhin gibt es viele aurale Kunstgriffe, die beim Tonmischer ein Hören des kompletten Frequenzspektrums des menschlichen Gehörs (ca. 20 Hz – 20.000 Hz) erfordern, was bei älteren Menschen, wie der Tagesspiegel-Artikel feststellt, leider nicht gegeben ist.1 Würde man damit nicht den künstlerischen Spielraum der Filmemacher einschränken?

Auch der Vorschlag im Tagesspiegel-Artikel, Presets am TV-Gerät bzw. der Soundbar zu aktivieren, die die Lautstärke menschlicher Stimmen erhöhen sollen, taugt in der Regel wenig. Das liegt daran, dass sich innerhalb des Frequenzbereichs der menschlichen Stimme üblicherweise auch viele andere Geräuschquellen tummeln, die durch ein solches Preset auch angehoben werden, wodurch der Verständlichkeit im besten Fall nur bedingt geholfen wird.

Doch es gibt einfachere Lösungen für dieses Dilemma.

Die Ideallösung

Die Ideallösung heißt Objektorientierte Tonformate. Diese sind ein komplett neuer Ansatz im Bereich der Tonübertragung.

Die klassischen kanalorientierten Tonformate definieren sich durch die Anzahl ihrer Kanäle. So gibt es bei Mono einen Kanal, bei Stereo zwei Kanäle (links und rechts) und bei Dolby Digital bis zu sechs (vorne links, vorne mittig, vorne rechts, hinten links, hinten rechts, Subwoofer).

Bei objektorientierten Tonformaten hingegen gibt es keine durchgehenden Kanäle, sondern Objekte, die Schallquellen aus dem Film repräsentieren. Jedem Objekt wird dabei eine Position im Raum relativ zum Hörer zugeordnet. Das Empfangsgerät erstellt dann aus diesen Objekten eine individuelle Tonmischung, perfekt auf die Anzahl und Position der Lautsprecher des jeweiligen Sound-Systems oder TV-Gerätes abgestimmt.

Ein solches System könnte der Zuschauer dann ganz einfach so einstellen, dass alle menschlichen Stimmen in Relation zu den Soundeffekten und anderen störenden Umgebungsgeräuschen lauter wiedergegeben werden.

Leider sind solche objektorientierten Tonformate noch nicht beim Konsumenten angekommen und bis alle Sendeanstalten und TV-Geräte diese neue Art von Tonformaten implementieren, wird es wohl noch ein paar Jahre dauern.

Die machbare Lösung

Die Lösung für jetzt heißt ganz einfach: Zwei Tonabmischungen. Eine mit der von den Filmemachern intendierten, vollen Dynamik und eine mit reduzierter “Schlafzimmer-Dynamik”. Beide Tonspuren werden dann parallel über den Sender ausgestrahlt.

Technisch ist das garkein Problem. Arte z. B. strahlt schon seit langem sein Programm mit sowohl einer deutschen als auch einer französischen Tonspur aus.

Standardmäßig würde die reduzierte Dynamik ausgewählt sein. Die Dynamik-Fans könnten umschalten auf die zweite Spur und das volle immersive Erlebnis genießen.

1 Siehe dazu auch die interaktive Demo “What Does Hering Loss Sound Like?” – http://tonal.goodhertz.co/hearing-loss/

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *