Luhmann? Zettelkasten? Digitalisierung?

Heute wäre der bekannte deutsche Soziologe Niklas Luhmann 90 Jahre geworden. Entsprechend ist das Medienecho zurzeit groß:

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article171257947/Das-hoelzerne-Privatinternet-von-Niklas-Luhmann.html

http://www.tagesspiegel.de/wissen/niklas-luhmann-zum-90-er-dachte-mit-dem-zettelkasten/20683794.html

https://www.nzz.ch/feuilleton/das-genie-der-gesellschaftstheorie-ld.1335385

In den Artikeln ist auch von der zur Zeit stattfindenden Digitalisierung seines berühmten Zettelkastens die Rede. Ich betreue seit gut zwei Jahren am Cologne Center for eHumanities das technische Zusammenspiel dieser Digitalisierung, entwickle die Software zur Erschließung, Transkription und Online-Präsentation der Zettel, und versuche aus dem Datenbestand Wissen und Visualisierungen zu erstellen. Die „Welt“ spricht im oben verlinkten Artikel vom „hölzernen Privatinternet Niklas Luhmanns“, und das trifft es ziemlich gut. Denn Luhmann hat auf seinen mehr als 90.000 handbeschrieben Zetteln jede Menge Verweise („Links“) zu anderen Zetteln hergestellt.

Nur einige der Verweise („Links“) des ersten Auszugs des Zettelkastens

Auch wie Luhmann die Zettel in den Kasten einsortiert hat, ist spannend: Jeder Zettel hat eine eigene Nummer zur Identifikation, beginnend mit 1. Wenn er dann später einen Zettel zwischen zwei anderen hinzufügen wollte, benannte er diesen bspw. 1a und stellte ihn zwischen 1 und 2, um nicht die ursprüngliche Nummerierung in Frage zu stellen. So entstanden sehr tiefe Hierarchien und lange Zettelnummern wie „28-10l5c3d16-1a“ oder „57-4e7b1-59d2a“. Außerdem entstanden thematische Zettel-Stränge, die voneinander abzweigen, sodass es vielerlei Lesewege durch den Kasten gibt. Luhmann selbst hat dazu gesagt: „Ich denke ja nicht alles allein, sondern das geschieht weitgehend im Zettelkasten … Der Zettelkasten kostet mich mehr Zeit als Bücherschreiben.“ Wir wollen also eine Beschreibung der Struktur des Kastens entwickeln und darauf basierende Vermutungen, wie er funktioniert hat, anstellen.

Ein winziger Ausschnitt aus der Struktur des Zettelkastens: Jeder Knoten ist ein Zettel

Der Zettelkasten ist wie für das Medium Internet geschaffen:  Mit den digitalen Möglichkeiten erreicht er eine grundlegend neue Nutzbarkeit. Möchte man Verweisen zu anderen Zetteln nachgehen, so muss man im analogen Zettelkasten lange suchen und blättern, in der digitalen Rekonstruktion reicht ein Klick auf den Link. Außerdem enthält die digitale Nachbildung des Kastens erweiterte und praktische Recherchemöglichkeiten wie z. B. ein Schlagwortregister, ein bibliographisches Verzeichnis und eine thematische Inhaltsübersicht, damit man stets den Kasten (Wald) vor lauter Zetteln (Bäume) noch sieht.

Natürlich kann bei mehr als 90.000 analogen Zetteln nicht alles konsistent sein, so hat Luhmann ab und zu Zettelnummern doppelt vergeben. Und immer wenn wir glauben, dass unser digitales Modell des Kastens das analoge Original akkurat repräsentiert, taucht auf irgendeinem Zettel ein neuer Sonderfall auf, den wir bisher nicht berücksichtigt hatten.

Schließlich ist der Zettelkasten nur ein Teil des Projekts. Daneben gibt es (z. T. unveröffentlichte) Manuskripte Luhmanns und Audio- und Videodokumente (Vorträge, Vorlesungen, Radio- und Fernsehinterviews), die es noch zu erschließen gilt. Die Arbeit bleibt also spannend.

Nächstes Jahr wird das neue Online-Portal des Niklas Luhmann-Archivs an den Start gehen.

 

Weiterführende Links

http://www.uni-bielefeld.de/soz/luhmann-archiv/

http://cceh.uni-koeln.de/luhmann-theorie-als-passion/